Speaker’s Corner: Diskussionskultur?

Ein wohlmeinender Kommentar vom Mausebär

Eigentlich wollte ich mich heute aufregen. Oder, besser gesagt, ich wollte meine wenigen Leser an meiner Aufregung der letzten Tage teilhaben lassen. Doch irgendwas stimmt mit mir heute nicht. Ich sitze an meiner Tastatur und meine Wut, meine Frustration und auch meine Resignation über das Elend der modernen Gesellschaft sind verschwunden.

Täglich regen sich Leute in den verschiedensten (sozialen) Medien auf und führen Stellvertreterkriege, als Diskussionen getarnt. Meinungen werden vehement rausgebrüllt und angegriffen, verteidigt, zerstört oder etabliert. Das alles mit Methoden von Beleidigungen, verbalen Ausfällen und Scheinargumenten. Seit das Internet jedem eine Stimme gegeben hat machen auch alle davon Gebrauch, was in sich schon einmal großartig und demokratisch ist, aber leider ist Quantität nicht Qualität.

Leider geschieht das, was oft passiert, dass Glied ist bekannterweise nur so stark, wie seine schwächste Kette. Und so orientiert sich das Niveau der Debatte auch am kleinsten gemeinsamen Nenner, was dafür sorgt, dass auch viele Journalisten und Politiker, also Leute, die eine rhetorische Bildung genossen haben sollten, plötzlich aus der untersten Schublade der verbalen Entgleisungen fröhlich winken. Das wäre im Prinzip erstmal nicht so schlimm, wenn nicht zeitgleich jeder geübte Demagoge, egal aus welchem politischen Lager, es leicht hat, mit einer vernünftigen Gesprächsführung plötzlich als der Vernünftige und Durchdachte aufzutrumpfen.
In Zeiten, wo Politiker des rechten Lagers (oder auch des linken) es schaffen Propaganda intellektuell zu verkaufen, weil ihnen professionelle Journalisten als Gesprächspartner nicht gewachsen sind, ist der Boden für eine extreme Meinungsbildung und auch eine extreme Politik bereits geebnet.

Da die bestehende Politik zusätzlich auch wenig dazu beiträgt, die Sorgen des normalen Bürgers zu zerstreuen oder gar zu beseitigen, ist der Nährboden für Populisten frisch gedüngt von der jetzigen Atmosphäre.
Die zusätzliche Einstellung der Schuldzuweisung, der ungewünschten Selbstoffenbarungen und Erklärungen, aber auch die „Alle nur nicht ich“- Mentalität, zeigt, dass die „Geiz ist geil“-Einstellung auch bei den intellektuellen Ressourcen des Bürgers angekommen ist.
Wir leben in einer Zeit, in der Scheinargumente und Anschuldigungen, Beleidigungen und Drohungen, Ablenkmanöver und Verdrehungen zu legitimen Argumenten geworden sind und sich die wenigen Menschen, die noch einen Austausch wünschen immer mehr aus der öffentlichen Diskussion gedrängt werden.

Wahrlich keine Zeit der Aufklärung und des Geistes, sondern ein Abfall ins dunkleste Mittelalter.

Die Dorfgemeinschaften des Mittelalters sind nun unsere Filterblasen in den sozialen Medien, die jeden fremden Gedanken argwöhnisch betrachten und lieber verteufeln, als eine Veränderung des Status zu erlauben. „Shitstorm“ und „Canceling“ sind die Heugabeln und Fackeln des Mobs und „Doxing“ (das veröffentlichen persönlicher Daten) der neue Pranger.
Sogenannte Kämpfer für die Gerechtigkeit verfeuern mit Hassreden andere Meinungen, samt deren Anhängern auf dem Scheiterhaufen ihrer eigenen Eitelkeit und hetzen genauso die Leute auf, wie die bösen anderen Menschen, die es wagen sie zu kritisieren es offensichtlich tun.

Längst geht es nicht mehr um „Gut gegen Böse“ oder „Richtig gegen Falsch“, sondern das sind nur Schlagworte für „Wir gegen die“. Und leider kann die Vernunft diesen Krieg nicht mehr gewinnen. Es geht nicht mehr um Logik, Wahrheit oder Konsens, sondern darum, seine eigene Meinung, so absurd sie auch sein mag, anderen aufzudrängen und zu indoktrinieren. Und ein Meinungsaustausch mit Fanatikern funktioniert einfach nicht.

Doch warum macht mich das nicht mehr sauer?

Mein Fazit ist, dass der berühmte Drops gelutscht ist. Ich bilde mir meine Meinung, stehe dazu und bin bereit sie in einem wohlmeinendem Austausch mit anderen auf die Waagschale zu legen. Ich bin bereit zu lernen und mich zu entwickeln. Aber ich kann niemanden dazu zwingen das auch zu tun. Sonst bin ich kein Stück besser als jene, die Ich ob ihrer Methoden in Zweifel ziehe.

Was ich machen kann, ist selber nach meinen Maßstäben zu leben und zu hoffen, dass sich jemand ein Vorbild daran nimmt.

Und deshalb versuche ich jeden Tag weniger dogmatisch zu denken und meine Meinung zu hinterfragen. Ich will mich nicht über andere Meinungen aufregen, denn sonst habe ich nichts anderes mehr zu tun. Letztendlich sind Meinung ja wie Verdauung, jeder Mensch hat eine.

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