Ein Fall im Badezimmer – oder: Wo der Gedanke hinfällt

Ein selbstreflektorischer, vielleicht sogar selbstkritischer, Ausrutscher in der Badewanne der Depressionen – in Szene gesetzt vom, heute nicht ganz so selbstherrlichen, Mausebär (a.k.a. Thorsten Dürholt)

Eben wusste ich noch, worüber ich schreiben wollte.
Ich saß in der Badewanne (stellt es euch besser nicht vor), trällerte den Badewannentango und war ganz zufrieden.
In aller Gemütlichkeit ließ ich meine Gedanken treiben und entdeckte dabei einen interessanten, den ich fasste. Ich zog ihn sanft, aber bestimmt, zu mir heran und langsam wurde daraus erst ein Gedankenfaden, dann ein Gedankenstrang. Am Ende hatte ich ein ganzes Gedankenbild an meiner mentalen Angelrute hängen – ein kapitaler Brocken.
Mit stolz geschwellter Brust wollte ich ihn hier präsentieren; Euch allen einen leckeren Happen von meiner Beute abgeben.
Natürlich nicht, bevor mein Gedankensushi nicht liebevoll von der Redaktion eingerollt wurde. Auch etwas von meiner Extra-Gehirnschmalz-Sauce wollte ich mit anbieten. Natürlich sollte auch mein scharfer Humor-Wasabi nicht fehlen.
Und während ich alle meine Leser, die sich nicht mit japanischer Esskultur auskennen, so langsam verlor, kletterte ich engagiert aus der Badewanne.
Es gibt zwei Dinge, die sollte ein überproportionierter „älterer Herr“ nicht in Verbindung mit nasser Keramik machen.
Auf jeden Fall nicht gleichzeitig!
Das sind, in diesem Fall: mit den Gedanken schon am Computer sitzen und zeitgleich schwungvoll aus der Badewanne steigen.
Das unausweichliche Platschen verdrängte einen Großteil des Badewannenwassers auf den Badezimmerboden.
Wer jetzt, genauso wie ich, gleich an die Szene aus dem Asterix-Comic denkt, wo Obelix im Kurbad in das Becken springt (aus: Asterix und der Avernerschild), hat das richtige Bild.
Außer einer blutenden Schramme und ein paar Schmerzen war alles glimpflich verlaufen.
Da ich, seit der Erkrankung meiner Frau, durch Gejammere weder Hilfe noch Aufmerksamkeit (auf Trost wage ich gar nicht mehr zu hoffen) erhalte, trocknete ich mich lethargisch ab, zog mich an und versorgte die blutende Wunde mit einem passenden Pflaster.
Dann verzog ich mich in mein Arbeitszimmer.
Während noch vor einem Jahr zumindest eine kleine Träne von meinem Schmerz gezeugt, oder mich ein sanftes Wimmern begleitet hätte, kommt mittlerweile noch nicht mal mehr das wütende Fluchen, was früher meine Unfälle begleitet hatte.
Ich schalte stattdessen resigniert in den Funktionsmodus, versorge meine Wunden, räume mein Chaos auf und gehe zurück zur Tagesordnung. Ich weiß nicht so ganz, ob ich dieses Verhalten (oder Nicht-Verhalten) als Fortschritt in meiner Entwicklung sehen sollte.
Scheinbar ärgere ich mich nur, wenn ich eine Bühne habe.
Scheinbar trauere ich nur, wenn ich eine Bühne habe.
Scheinbar bemitleide ich mich nur, wenn ich eine Bühne habe.
Bin ich mir nur wichtig, wenn ich Zeugen habe?
Bin ich Schrödingers bemitleidenswerte Katze, die weder tot noch lebendig ist, solange keiner die Kiste öffnet?
Bin ich jener berühmte Baum, der nur vielleicht ein Geräusch macht, im einsamen Wald?
Mein ursprünglicher Gedanke war vergessen und schuf Platz für eine kritische Selbstanalyse.
Wie bin ich, wenn mich niemand sieht?
Wer bin ich, wenn mich niemand sieht?

Eine Menge Beobachtungen schossen mir durch den Kopf.
War es nicht so, dass ich, wenn ich alleine Filme sah, leiser und auch weniger lachte (kleine Anmerkung meines inneren Besserwissers – „Ja, und das ist auch ganz normal; die psychosoziale Funktion des Lachens funktioniert halt vor allem in der Gruppe. Wäre auch mal ein Thema für Uns?“)?
Ist es nicht so, dass ich in Zeiten, in denen ich alleine bin, mein Umfeld sauberer halte und pragmatischer an die Dinge gehe (kleine Anmerkung meines inneren Kritikers – „Dann macht es ja auch keiner für Dich, du fauler Hund!“)?

Letztendlich blieb mir die Frage, wie viel Emotion rein für mich ist und wie viel für andere Menschen?
Klingt jetzt erst mal nach einer provokanten Frage, an die sich gleich die nächste anschließt:
Täusche ich nicht einige, oder gar alle Emotionen, nur vor?
Bin ich innerlich ein „kalter Hund“ [in manchen Sprachregionen Deutschlands auch als „kalter Fisch“ bezeichnet – Anmerkung des Schmusehamsters], der seine Fähigkeit, sich in jede Emotion hineinzusteigern, nutzt, um andere zu manipulieren?
Wenn ja, bin ich nicht wirklich gut darin. Oder besser gesagt: nicht wirklich erfolgreich.
Bin ich jetzt ein Soziopath im Fummel einer Dramaqueen?
Oder doch lieber ein paar Stufen weiter runter drehen?

Was ist das richtige Maß?

Tja, da habe ich meinen Gedanken von vorhin wieder eingeholt. Tatsächlich wollte ich etwas über Ausgeglichenheit schreiben.
Es ging mir um das Leben zwischen zwei extremen Polen.
Dass ein kleiner Unfall mir eine neue Annäherung daran erlaubt, macht meinen Ausrutscher scheinbar zum Glücksfall; im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich bemerke in letzter Zeit häufiger, dass, während ich zuhause meiner inneren Gefühlskälte fröne und unbewegt Splatterfilme schaue, mich meine Emotionen übermannen, sobald ich in der Kommunikation nach außen bin.
Nicht, dass ich einfach „mitschwinge“, nein, ich steigere mich innerlich in etwas rein. Mein innerer Schauspieler tanzt fröhlich mit meinem innerem Narzissten einen feurigen Tango; zumeist auf den Nerven meines direkten sozialen Umfelds.

Woher kommt das bloß?

Schon als ich klein war, fiel ich oft von einem Extrem in das andere. Ich bemerkte es nicht, denn ich kannte ja keinen Unterschied.
Meine Erziehung war weder religiös noch philosophisch geprägt, also hinderte mich nichts daran, meine Welt in „Gut“ und „Böse“ zu teilen.
Wie ein eifersüchtiger Gott wachte ich über die absoluten Wahrheiten meiner Welt.
Wer nicht für mich war, war gegen mich.
Wer mich kritisierte, verstand mich nicht.
Ich hatte Freunde und Feinde. Der Rest waren Statisten auf der Bühne meines Lebens, bewegliche Objekte zur Dekoration.
Ich wollte der Star auf der Bühne sein. Ich reduzierte Freunde und Bekannte zu Stichwortgebern oder auch zum Publikum meiner Show. Und ich fand sogar geduldiges „Klatschvieh“, obwohl ich immer noch nicht weiß, wie.
In der schönsten Zeit meines Lebens konnte ich wunderbar in diesen Extremen leben.

Doch dann kollidierte ich mit der Welt.
Meine Jugend war vorbei.
Plötzlich musste ich in einer Welt voller Schattierungen leben. Nein, ich fand keine Farben, ich ertrank in einer grauen Pampe der Gleichgültigkeit.
Kurzzeitig fand ich immer mal wieder eine neue Bühne und konnte mein altes Stück der absoluten Herrlichkeit aufführen, doch es blieb bei Gastspielen.

Irgendwann tritt mal ein Mensch an einen heran, der einem fast wie beiläufig eine Wahrheit ins Gesicht sagt.
Dann kommt dieser kurze Moment der Erleuchtung bei einem. Das passiert selten, vielleicht eine handvoll Male im Leben.
Einer dieser besonderen Menschen war ein Theaterpädagoge.
Während meines Qualifizierungsjahres für Bühnenberufe trat er wie beiläufig an mich heran und machte mir mit knappen, klaren und vor allem wohlmeinenden Worten klar, dass er in mir diese Extreme sah. Alles an mir war entweder „An“ oder „Aus“, ich lebte binär.
Und da begann meine Reise.

Es dauerte noch Jahre und war voller Rückschläge, die mich begleiteten.
Aber langsam nahm der graue Brei Konturen an. Ich fing an, neue Formen zu entdecken. Ich fing an, auch in Grauschattierungen zu denken. Noch immer ist mein Leben von Extremen geprägt, aber ich suche jeden Tag nach neuen Kompromissen. Häufig finde ich sogar welche. Und zu meiner Überraschung kann sich das auch richtig gut anfühlen.
Seit einiger Zeit bemerke ich sogar manchmal Farben, die sich in meine düstere Welt schleichen. Nicht viele, nur ganz zart.
Manchmal prägnant wie bei bestimmten Filmen, die Farbeffekte in einer schwarz-weiß Verfilmung als verstärkende Elemente nutzen. Manchmal nur im Augenwinkel.
Ich glaube, wenn ich weiter übe, dann werden stückchenweise mehr Farben kommen. Und wenn ich lerne, mich im angemessenen Maß auch zu bemitleiden, wird das nächste Blut, was aus einer meiner Wunden tropft, vielleicht knallig rot erscheinen.

Verzeiht mir, wenn vieles, was ich sage, so absolut klingt. Ich lerne noch. In letzter Zeit immer häufiger mit euch zusammen. Das ist ein guter Kompromiss…

Mit extrem lieben Grüßen,

Euer Mausebär (a.k.a. Thorsten Dürholt)

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