Ferdinand, der Lenz ist da!

Eine Episode zum Thema „Schatzkiste“ von Alexander Kunze

Wer dieser Tage – maximal zu zweit mit mindestens 1,5 m Abstand – seinen inneren Schweinehund überwindet und ins Freie tritt, dem wird es bereits aufgefallen sein: der Frühling (poetisch: Lenz) ist da!

Aus jeder Pore der Natur dringt der sinnlich-süße Duft blühender Pflanzen, das kräftig-würzige Aroma gedüngter Felder oder die ätherisch-saftige Note der frischen hellgrünen Triebe.

Meine Ohren werden umschmeichelt von einem dichten Netz weicher Vogelstimmen mit ihrem Zwitschern und Singen, eingebettet in sanft summend fliegende Insekten.

Ich kann mich nicht sattsehen an den intensiven Farben der blühenden Bäume und Sträucher, Blumen und Schmetterlingen.

All diese Reize wecken einen wohlbekannten Mitspieler meines inneren Teams, der von November bis Februar für gewöhnlich in tiefem Winterschlaf liegt: Ferdinand.

Wer ist Ferdinand?

Um zu erklären, wer Ferdinand ist, muss ich ein wenig ausholen. In meiner Kindheit, Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrtausends, sah ich mehrfach im Fernsehen einen kurzen Zeichentrickfilm:

Umgeben von saftig grünen, sonnenbeschienenen Weiden erblickte Ferdinand, ein prächtiger schwarzbunter Stier, das Licht der Welt. Schon farblich passte er nicht recht zu seinen zahlreichen Altersgenossen, die eintönig schiefergrau geboren wurden. Von seiner Mutter, einer karamellbraunen Kuh, wurde der junge Ferdinand liebevoll, aber bestimmt, dazu ermuntert, doch mit den anderen Stierkälbchen zu spielen, d.h. seine Kräfte zu messen. Denn er sollte eines Tages in die Hufstapfen seines berühmten Vaters, eines schwarzblauen ehemaligen Kampfstieres treten, der, unbezwungen in der Arena, die Ehre hatte, als begehrter Zuchtbulle zu dienen.

Doch Ferdinand hatte kein Interesse daran, mit seinen Altersgenossen zu spielen. Im Gegenteil war er lieber allein, erfreute sich an der Natur und roch an den herrlichen Blumen. Von seinem berühmten Vater verachtet, von seiner gütigen Mutter aber stets geliebt, ändert Ferdinand auch als ausgewachsener Stier sein Verhalten nicht. Er ist allein, aber glücklich, auf seiner Weide, beseelt von der Schönheit Mutter Naturs.

Während seine Altersgenossen im Zeichentrickfilm nun einer nach dem anderen von einem Händler an die örtliche Stierkampfarena verkauft werden (die Brutalität der Kämpfe spart der Film kindgerecht aus!), bleibt der friedfertige Ferdinand als „Ladenhüter“ zurück.

Erst als alle anderen Stiere bereits verkauft sind, lässt sich der Händler von Ferdinands menschlichem Besitzer übers Ohr hauen und tritt – todunglücklich – den Weg in die Arena an.

Dort wartet ein ebenso zahlreiches wie blutrünstiges Publikum auf die Befriedigung seiner niedersten Triebe. Ferdinand, an Statur seines berühmten Vaters mindestens ebenbürtig, sitzt (jawohl – er sitzt!) in der Mitte der Arena auf dem staubigen roten Boden. Bühne frei für den Torero – eine lokale Prominenz. Dieser verzweifelt angesichts der Tatsache, dass sich Ferdinand nicht im mindesten von ihm provozieren lässt und ihn, den Torero, gar nicht beachtet.

Nun folgt die Szene, die sich in meinem kindlichen Gehirn eingebrannt und wohl zur Aufnahme Ferdinands in mein inneres Team geführt hat:

Eine junge Frau wirft einen Blumenstrauß in die Manege und haucht ihrem vergötterten Torero einen Kuss hinterher. Der Blumenstrauß kommt vor Ferdinand zu liegen. Ferdinand riecht daran und verdreht, vom süßen Duft der Rosen entzückt, genießerisch die Augen.

Selbstverständlich besitzt auch dieser Zeichentrickfilm die komisch-chaotische Wendung, die für begeistertes Lachen und In-die-Hände-Klatschen der kleinen und großen Zuschauer vor der Mattscheibe führen soll:

Ferdinand wird von einer Wespe, die sich in dem Blumenstrauß versteckte, in die Nase gestochen. Der Schmerz lässt ihn in ziellose Rage geraten, infolge der Ferdinand – jeweils unabsichtlich – den Torero über den Haufen rennt und anschließend die hölzerne Stierkampfarena in Schutt und Asche legt. Selbstverständlich wird dabei niemand verletzt – nicht einmal der Torero.

In der Schlusssequenz sieht man Ferdinand, wie er zurück auf seine Weide transportiert wird. Den Blumenstrauß hat er noch auf dem Viehwagen bei sich. Ferdinand darf den Rest seines Lebens so sein, wie er sein möchte, in der Nase den Duft der herrlichen Blumen.

Ferdinand in meiner Schatzkiste

Im Rahmen meiner Recovery habe ich schon zu dunkelsten Klinik-Zeiten festgestellt, dass das Grünen und Blühen der Natur im Frühling auch für mich essenzielle Quelle positiver Energie ist.

Zunächst als „Ding, das mir gut tut“ oder „Belohnung“ im Rahmen von Reflexion und Therapien herausgearbeitet, habe ich diese Qualität für mich auch zu einer „Schatzkisten-Ressource“ gemacht.
Diese Ressource hilft mir, zusammen mit anderen, gedanklich und ganz praktisch, das heißt zum Anfassen, in Zettelform in einem hübschen Kästchen zuhause aufbewahrt, mir den Weg durch eine schwere Zeit zu weisen, wenn ich die guten Dinge zu vergessen drohe.

Jedes Jahr im Frühling gehe ich nun spazieren und pflanze gedanklich schöne blühende Pflanzen in meinen seelischen Blumenkasten, bzw. Garten, aktuell zum Beispiel sonnengelben Löwenzahn, silberhelle Pusteblumen, Vergißmeinnicht, so tiefblau wie ein Gletschersee, am Fuße dreier blühender Bäume: schneeweiße Kirsche, so fluffig wie Zuckerwatte, blassrosa Magnolien, die Elben-Bäume unserer Natur, und schließlich altrosa blühender Apfelbaum – mein innerer Ferdinand schwebt auf Wolke Sieben.

Diese Neigung von mir verstehen wohl die wenigsten Männer, so gänzlich unmännlich kommt sie daher. Doch, so wie ich nicht wie andere Männer aussehe, so bin ich auch nicht wie sie.

Ich bin gut, so wie ich bin, weil ich glücklich bin.

Mit sonnigen Grüßen und blumigen Worten,

Euer Schmusehamster

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