Ich gehe zu Fuß

Eine Liaison aus persönlichem Erfahrungsbericht und poetischer Gesellschaftskritik von Eurem Schmusehamster (ak)

Meine heutige Art zu leben
entspricht einem achtsamen Spaziergang, einer von der natürlichen Rhythmik von Tages- und Jahreszeiten unterteilten Wanderung,
bei der ich versuche,
meine Umwelt bewusst
und so frei wie möglich von Erwartungen und Bewertungen wahrzunehmen.

Ich gehe meinen Weg in dem für mich angenehmen Tempo
und lasse mich in meinem Kurs
von meinem Bauchgefühl leiten,
verweile bei dem, was mir gut tut
und verlasse jenes, was mir schadet.

Ich bemerke, dass ich nicht mehr zurück will
-und vielleicht auch nicht mehr kann-
in das,
was als Leistungsgesellschaft bezeichnet wird;
mich fremdbestimmten Maßstäben und produktivitätsoptimierter Uniformität zu beugen,
dabei stumpf abzunutzen
und schlussendlich zu brechen an arbeitsplatztypischer biologischer Materialermüdung
und mein Altenteil über gramgebeugt
die Fehler meines Lebens zu bereuen,
Und Versäumnisse
längst vergangener Chancen und Freuden, verpasster Gelegenheiten nachtrauernd.

So bin ich froh und glücklich darüber,
die U-Bahn-Fahrt des namenlosen, numerierten Humankapitals verlassen zu haben,
jene farblosen, kosumgesteuerten Existenzen,
die Denken und Handeln bereitwillig abgeben,
medienverdummt ihr Schicksal verleugnend.

Viehherden des Kapitalismus,
die rastlos durch die monotone Dunkelheit rasen,
nur unterbrochen durch kurze Stationen im gleißenden Licht ihres nächsten Ziels und dieses schon beim Türenschließen hinter sich vergessen haben,
gefesselt in ihrem Sitz.

Den Blick gebannt von ihren Displays, Gedanken verkümmert zu drei Minuten und 140 Zeichen,
der freie Wille eingehegt durch unsichtbare Scheuklappen, eingeschüchtert durch den unerbittlichen Schaffner sozialer Kontrolle,
gesteuert von gesellschaftlicher Moral.

Beharrend im Gefahren werdend,
Droht Verlernen, ja Vergessen gar,
Was einst der Traum von Freiheit war.
Bis zum jähen Stop an der Endstation
Wiegt jedes Schlagloch uns in tiefere Narkose
Apathisch hechelnd in feuchter Dunkelheit,
Der Sonne entfremdet, dem Himmel entwöhnt.

So bin ich froh,
dass ich den düstren Tunnel verlassen habe,
Geleitet von vielen Weisen und Achtsamen,
Furchtbare Angst und Schmerzen leidend,
Jede Stufe des Aufstiegs misstrauisch prüfend.
Den Abzweig in mein neues Leben:

Ich kann die Sonne und die Tiere auf den Wiesen sehen.
Ich höre den Bach rauschen und die Vögel singen.
Ich spüre die Sonne auf dem Gesicht und den Wind in meinen Haaren.
Ich rieche die Blumen und den würzigen Duft des Waldes.
Ich schmecke die Erdbeeren und die volle, sahnige Milch.
Ich lebe.

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