Kreative Beziehungsunfähigkeit

Der Mausebär (td) berichtet in diesem Beitrag von seinem Beziehungsstress mit seinem neuestem kreativen Projekt.

Eine kleine Beziehungsstreitigkeit mit Otakuria, der Muse der nerdigen Phantasien, reißt mein jetziges Projekt nahezu gnadenlos aus der kuscheligen Wärme seiner flauschigen grünen Tücher und schleudert es schutzlos auf den Boden.
Alle meine Bedürfnisse bilden einen Stiefelkreis und treten gnadenlos auf mein Baby ein. Meine innere Müdigkeit droht sogar mit „Bordsteinknabbern“ und meine Nachschubbeauftragte (Verantwortlich für Einkauf und Vorratshaltung), hat Stiefel mit Stahlkappen an. Ich fühle mich wie ein geprügelter Hund, denn mein Projekt, das bin auch ich. So wanke ich blutend durch die dunkle Nebengasse und während ich ein verrotztes Taschentuch, statt meiner heißgeliebten grünen Tücher, benutze, um meine Wunden zu säubern, frage ich mich…

Warum scheitert eigentlich die Wirklichkeit so oft an meiner Phantasie?

Ich frage es bewusst so herum, denn es ist mitnichten eine Grenze meines Vorstellungsvermögens, die mich plagt.
Ganz im Gegenteil scheint mir der Raum meiner Kreativität zur Zeit nahezu grenzenlos.

Es sind andere Faktoren, die mich schier zur Verzweiflung treiben.

Meine Unfähigkeit, an genauso vielen Baustellen zu arbeiten, wie ich es manchmal in Gedanken kann, ist einer dieser Faktoren.
Manchmal würde ich mich gerne aufsplitten um an mehreren Gedanken zu einem Projekt gleichzeitig zu arbeiten, sozusagen mein inneres Team zu einem physischen Team werden zu lassen.

Zurzeit ist es leider so, dass alle kreativen Mitarbeiter in meinem inneren Team ihre Aufnahmen des kreativen Diktiergerätes bei einem einsamen Sekretär zur Niederschrift ablegen. Da staut sich gerade eine Menge im Eingangskörbchen auf.
Leider hat mein innerer Sekretär, der in der Wirklichkeit durch meinen Körper repräsentiert wird, nur ein begrenztes Vermögen an Schreibkraft.

Auch das ist ein weiterer Faktor. Meine Fähigkeit, Dinge niederzuschreiben, ist abhängig von meiner Energie und Schreibfertigkeit. Während ich zwar nicht mehr das Adler-Suchsystem, also Buchstaben suchen und darauf stürzen, beim Tippen verwende, bin ich noch weit vom flüssigen Schreiben an der Tastatur entfernt.
Von der Geschwindigkeit meiner Gedanken, die mir den jeweiligen Text diktieren, wage ich gar nicht erst zu reden.
Das jeweilige Innehalten zur Fehlerkorrektur ermöglicht meinem Körper zwar die notwendigen Pausen, nervt meine kreative Ader aber auf das äußerste.

Obwohl ich es schaffe, kognitiv, also geistig, eine Konzentration scharf wie ein Solinger Handwerksprodukt zu erhalten, spielt mein Körper da nicht mit und fordert unbedingte Ruhepausen.
Leider lässt der innere Protest gegen diese Ruhepausen meinen Geist nicht zur Ruhe kommen. Dass ich auch ein gewisses Kontingent an Schlaf brauche, versucht mein strebsamer Geist zur Zeit gepflegt zu ignorieren.

Allein der Körper braucht, was er braucht und das nimmt er sich – notfalls mit Gewalt.
Während ich die letzten Tage einfach zu wenig schlafe, merke ich, wie mein Körper mir langsam die Pistole auf die Brust setzt.

Ungeduld und Zielstrebigkeit – schön und gut – aber Grenzen sind Grenzen.

Eine Grenze zu überschreiten, ist häufig ein Konflikt.
Diesen Konflikt spüre ich gerade und es ist Zeit, in Friedensverhandlungen zu treten.
Meist sind die Ergebnisse der Verhandlung zwischen Körper und Geist, oder auch zwischen „Wollen und Können“, recht einseitige Verhandlungen.

Viel zu oft lasse ich es zu, dass meine eigene Ungeduld die Musen, die mich küssen wollen, nicht nur zu verstärkter Zärtlichkeit, sondern zur sexuellen Nötigung meines Leistungsvermögens drängen.
Das schadet nicht nur der erotischen Beziehung zu meinen süßen Musen, sondern auch die sorgsam angefertigten Kunstfilme für Erwachsene, die meine Ungeduld von den Interaktionen dreht, verlieren deutlich an Qualität. Nicht gut für meine Libido.

Nicht zuletzt drängt mich kein Abgabetermin, sondern alles, was mich gerade beschäftigt, ist mein eigenes Projekt.
Es ist nur zu meinem eigenen Vergnügen und trotzdem nagt es wie eine gefräßige Ratte Stücke aus meiner Zeit, die ganz konkreten Verpflichtungen gehören.
Das ist nicht gut.

Meine Verpflichtungen sind ein weiterer Faktor. Ein klein wenig Besessenheit gehört zwar zu jedem Herzensprojekt, aber es darf nicht alles andere, was mir wichtig ist – oder seien sollte – im Feuer der Leidenschaft verzehren.

Ich sollte eine Grenze ziehen, um mich zu schützen – wieder mal vor mir selbst.

Auch wenn die Gefahr des Scheiterns meinen inneren Narzissten aufschreien lässt, mein Körper sagt radikal „Schluss!“ und ich scheitere an der Realität. Mein Projekt wird begraben.

Aber ist das wirklich so?

Meiner Vermutung nach bin ich wieder dabei, Grenzen zu scharf zu ziehen und nur extreme Lösungen zu sehen.
Es gibt aber nicht nur Schwarz und Weiß, sondern auch jede Menge Grautöne.
Ich hatte mir selbst die Aufgabe gestellt, diese zu entdecken.

In meinen inneren Friedensverhandlungen bin ich daher so weit gekommen, das Projekt, was mich quält, erst mal säuberlich zu speichern, ein paar Tage nicht daran zu rühren und mich mit anderen Dingen zu beschäftigen.
Aber ich werde es nicht löschen oder aufgeben, sondern nach angemessener Ruhepause einfach weiter daran feilen. Stückchen für Stückchen.
Manchmal brauchen die Dinge Zeit.

Mein innerer Narzisst nickt nun zufrieden. Kein Aufgeben, sondern einfach ein besseres Zeitmanagement meines Projektes. Pausen zulassen und die Gelegenheit nutzen, mein Erwartungsmanagement neu zu justieren.
Nicht mit der heißen Nadel stricken, sondern mit kühlen Kopf elegant erschaffen.

Meine innere Muse, die dieses Projekt betreut, kichert fröhlich, schnappt sich ihre Unterwäsche vom Boden und zwinkert mir noch einmal verführerisch zu, während sie meine Gedankenkammer verlässt.
Mich plagt deswegen keine Wehmut, denn ich weiß, diese Liebesaffäre geht noch weiter. Ich werde für mein Projekt mehr Zeit einplanen und die kreative Schöpfung in Ruhe genießen.

Die heiße Affäre mit meiner Muse ist, im Gegensatz zu diesem Beitrag, noch nicht am Ende.
Fortsetzung folgt…

Euer Mausebär (td)

3 Kommentare

  • Beim lesen deines Beitrags kam mir mehr als einmal dar alte Spruch in den sinn.
    Aufgeschoben ist aufgehoben.
    Bleib Cool Thorsten.

    Gruß Gandalf.

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  • Nicht jeder kann ein Aspi sein, der sich mit vielen Sachen gleichzeitig beschäftigt.
    Andererseits: Auch ein Aspi braucht Struktur.
    Schaffe Dir eine Struktur mit den nötigen Pausen, und deiner Libido (und der Deiner Muse) wirds danach deutlich besser gehen.
    Knuddlz vom Polarbär

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