Neue Divergenz

Neurodivergenz- Psychodivergens - Neue Divergenez eine Erklärung

Neurodivergenz – Psychodivergenz

Braucht es eine neue Art, psychische Erkrankungen zu betrachten und wenn ja wie?
Sprache schafft Realität und vielleicht braucht es mal ein neues Wort um der Pathologisierung von psychischen Besonderheiten entgegen zu wirken, auch um Inklusion möglich zu machen!

Eine kritische Betrachtung und ein Vorschlag von Thorsten Dürholt (der Mausebär)

In der letzten Zeit beschäftigt mich öfters ein spezieller Gedanke.
Seit ich meine neue Diagnostik habe und festgestellt wurde, dass ich ADHS habe und leicht im autistischem Spektrum unterwegs bin, fange ich an, einige in mir neu zu definieren. In meiner frühesten Kindheit wurde bei mir schon eine Form von Hochbegabung festgestellt (das ist mir als Narzisst ein Fest, dass zu erwähnen), die sich allerdings nur selten zeigt, den meistens bin ich gnadenlos unbegabt.
ADHS, Autismus, bzw. Autismus-Spektrum (es ist ein weites Feld) und Hochbegabung, aber auch gewisse Lernstörungen, wie Dyskalkulie, (Rechenschwäche) oder Legasthenie (Leseschwäche), fallen unter den Begriff der Neurodivergenz.
Also bin ich jetzt Neurodivergent, also habe eine kognitive Ausprägung die sich von der gesellschaftlichen Norm unterscheidet. das ist ja nichts Neues, weil ich immer den Eindruck hatte, anders zu denken, zu fühlen und zu erfassen, wie meine wunderbare bunte Welt ist.
es hat jetzt einen Namen, ich bin neurodivergent, was sich irgendwie besser anhört, als eine kognitive Störung zu haben, oder neurologisch krank, behindert oder auffällig zu sein.
Ich bin halt divergent, also anders und dass darf sein, kann sein oder ist einfach so…
Leicht zu erklären, der Mausebär ist divergent, also akzeptiere, dass ich anders denke, als Du und dass ich das nicht mache, um Dich zu ärgern oder aus fehlender Empathie oder Bereitschaft. Es ist einfach so…
Divergent ist eher so wie Blind, oder gelähmt, ist scheiße, aber ist halt so, bin ich nicht schuld dran und eine solidarische und soziale Gesellschaft hat gefälligst meine Barrieren (mit) abzubauen, um mir Teilhabe zu ermöglichen.

Doch was ist mit meinen Persönlichkeitsstörungen? Bin ich plötzlich kein krankhafter Narzisst mehr, weil ich jetzt neurodivergent bin?
Habe ich jahrelang verzweifelt und unter Rückschlägen, Tränen und Schweiß versucht, meinen inneren Narzissten zu bearbeiten, um ein funktioneller Narzisst zu werden, nur um jetzt zu erfahren, dass ich eigentlich gar nicht gestört bin, sondern einfach nur neurodivergent?
Nein, der innere Narzisst ist noch da, genauso, wie die die wiederkehrenden (rezidiviernden) Depressionen, denn sonst würde ich keine Medikamente dagegen mehr brauchen. Auch meine Ängste (generalisierte Angststörung) und meine Probleme mit dem Selbstbewusstsein sind noch vorhanden. Und meine kleine Phobien winken mir auch noch zu.
Vielleicht sind meine kleinen Traumata durch die Neurodivergenz verstärkt, ausgelöst oder unterstützt worden, aber sie sind nicht weg, nur weil ich jetzt weiß, dass diese Divergenz in mir ist.
Einzig meine Essstörungen, die mich von klein auf begleiten, die könnten (laut meinem sehr fähigem) Psychiater ein Symptom meiner Autismus-Spektrumstörung (wie gesagt, sehr leicht) sein. Also keine Erkrankung, nur ein Symptom.
Aber ist der Rest ein Symptom?

Nein, ich habe psychische Erkrankungen und weil so etwas nun einmal chronisch ist (wie mein Diabetes Typ 2 und mein Bluthochdruck), werden mich diese Erkrankungen noch weiter auf meinem Lebensweg begleiten. Ich kann lernen damit zu leben, sie in meinen Alltag zu integrieren, die Symptome abschwächen und bekämpfen, aber bleiben werden sie. Die nächste Depressive Episode wartet auf mich an der nächsten Straßenecke, mein innerer Narzisst mault und schaut darauf, wie er aus seinem Käfig ausbrechen kann und auch meine Ängste laufen immer neben mir und lassen sich nicht in die Karten schauen, ob sie nun ein Symptom meiner Persönlichkeitsstörung sind (wie mein geringes Selbstwertgefühl) oder tatsächlich eine eigenständige Erkrankung, halt eine generalisierte Angststörung sind.
Es bleibt bei mir, macht mich zu einem behinderten Menschen – nein, das sagt man ja nicht, heißt ja Mensch mit besonderen Bedürfnissen – dabei habe ich immer noch einen Schwerbehindertenausweis (SBA) und keinen Besondere-Bedürfnisse-Ausweis (BBA) -, was hilfreich ist, um hin und wieder etwas Unterstützung zu bekommen oder Verständnis für meine Situation. Wenigstens ein wenig Nachteilausgleich in unserer Solidargemeinschaft, worauf ich jetzt echt nicht eingehen will, weil es auch ein weites (Minen-) Feld ist.

Was mich stört ist nicht diese Erkenntnis, sondern der Umstand, dass ich krank sein soll.
Als Genesungsbegleiter glaube ich daran, dass es ein Bestandteil der Salutogenes, also der Gesundung sein muss, den Sinn in seinen Erkrankungen zu sehen und ein neues Verständnis von gesund zu erschaffen. Gesund bin ich, wenn ich mich Gesund fühle.
gesund bin ich, wenn meine chronischen körperlichen Erkrankungen gut eingestellt sind, denn solange meine Blutzuckerwerte und mein Blutdruck, dank guter Medikamente und Lebensführung nicht entgleisen, wird mich kein Arzt der Welt krankschreiben, oder meine Arbeits- und Leistungsfähigkeit in abrede stellen. Ich mag zwar besonder Bedürfnisse haben, wie meine Medikamente und besondere Verhaltensweisen, aber ansonsten kann ich ganz normal leben. Ich bin in der Hinsicht nicht krank, sondern körperlich eingeschränkt, oder vielleicht sogar physisch divergent.
Das gleiche muss und sollte doch auch für meine anderen Erkrankungen, also meine psychischen Krankheitsbilder gelten.
Außerhalb meiner depressiven Episoden fühle ich mich nicht krank und mein geringes Selbstwertgefühl und der Drang meiner gestörten Persönlichkeit stören mich zwar, aber ist das krank?
Krankheit ist etwas, was viele Menschen als einen vorübergehenden Zustand wahrnehmen. Eine Infektion ist eine Erkrankung, die vorübergehend ist. eine chronische Erkrankung, wie meine Diabetes oder meine Migräne sind Zustände die immer wieder mal aufbreche und der Behandlung bedürfen, um wieder zu verschwinden. Wir sehen als Gesellschaft die Symptome und bezeichnen sie als Krankheit.
Niemand würde einen blinden Menschen als krank bezeichnen, es sei denn die Blindheit ist vorübergehend. Wenn nicht spricht man von einem besondern Zustand, oder von einer Behinderung.

Ich möchte nicht pathologisiert werden und als dauerhaft krank gelten, weil ich im Rahmen meiner Möglichkeiten leistungsfähig bin. Weil ich aus meinen psychischen Besonderheiten versuche Stärken zu machen und ihnen Sinnhaftigkeit zu geben. Ich will auf meinem Weg der Recovery zu einem Zustand kommen, an dem ich mich im rahmen meiner eigenen Normalität, als gesund empfinde. Einfach um ein würdiges Leben zu führen, ein gesundes Leben mit allen meinen Besonderheiten.
Ich habe es über 30 Jahre versucht, meine psychischen Störungen gehen nicht mehr weg, sie sind chronisch, sie bleiben hier. Wer nicht gesunden kann, kann auch nicht krank sein, sondern hat Besonderheiten. Und deswegen integriere ich meine Auffälligkeiten in meinen Alltag, kontrolliere die Symptome, versuche in meinem Rahmen mich gesund und richtig zu fühlen, auch wenn ich nicht einer allgemeinen Norm entspreche.
ich bin in meiner Seele (griechisch auch Psyche genannt), anders, als andere Menschen, also divergent. Nicht krank, sondern divergent.
darum möchte ich mich nicht mehr als psychisch kranke Person bezeichnen sondern als Psychodivergent.
Das mag Augenwischerei sein, für jeden, der darunter nicht leidet, aber wir, als Gesellschaft stellen langsam fest, dass Worte tatsächlich Realität formen. das es wichtig für uns ist, wie wir uns definieren und wie wir unsere Definition bezeichen.

Ich bin nicht Krank, ich bin Psychodivergent

Diese Aussage fühlt sich gut an, hilft mir im eigenem Empowerment, unterstützt meine Weg zur Definition meiner eigenen Gesundheit im Rahmen des salutogenetischen Gedanken, vollendet meine Recovery ein Stück und gibt mir eine neue Definition für mein eigenes Ich.
Ich bin einfach Neuro-und Psychodivergent und werde damit großartig leben, in dem ich meine eigen Nische besetze, in die ich gerne alle Menschen einlade, die sich nicht von einer Diagnose aus dem Psychologischem oder Psychiatrischem Bereich pathologisieren wollen.

Seit Jahren verstehen meine Angehörigen nicht, was meine Erkrankung sein soll (weil ich ja nicht ihrem Bild von Krankheit entspreche. Sie verstehen meine Behinderungen nicht, weil ich ja alle Körperteile habe.
Mit seelischer Erkrankung oder psychischer Behinderung kann ich mich Ihnen nicht erklären.
Mit Neurodivergenz ging das allerdings wunderbar, das verstehen meine Leute und daher funktioniert das auch mit Psychodivergenz, zu erklären, dass ich einfach in manchen Punkten nicht der gesellschaftlichen Norm entspreche und auch nicht entsprechen kann.
Lasst uns also aus den bösen Krankheiten wieder etwas vergängliches (oder Episodenhaftes bei chronischen Krankheiten) und etwas körperliches in seinen Symptomen leicht sicht- und erkennbares machen und hören wir auf psychisch Krank zu sein und akzeptieren, dass wir Psycho divergent sind.

Ich bin nicht krank, ich bin Psychodivergent

Ich genese durch Akzeptanz meiner Besonderheiten und durch die Anpassung meiner Ziele, meines Weges und meines Alltags an meine besonderen Bedürfnisse. Solange ich das machen kann und nicht von der Gesellschaft behindert werde, kann ich mich völlig gut, funktional und gesund fühlen. Meine Krisen sind Episoden, die daraus entstehen, dass ich meine Bedürfnisse nicht beachte (oder aus den Einflüssen, denen ich ausgesetzt werde) und wenn ich einem querschnittsgelähmten seinen Rollstuhl wegnehme, dann hat er auch eine Krise.
Wenn ich einen gesunden Menschen in eine schwierige und für ihn nicht lösbare Situation bringe, hat er auch eine Krise.
Eine Krise ist keine Krankheit, sondern eine Krankheit ist eine Form der Krise (eine von vielen). warum sollen meine seelischen Krisen krankhaft sein? Sie sind nicht ansteckend, nicht unbedingt körperlich, nicht vorübergehend, nicht…
Es gibt so viele Gründe, es nicht als Krankheit zu sehen, sondern als ein zustand des Anders sein.

Bitte denkt einmal darüber nach, wie ihr euch definieren wollt, als krank (gesellschaftlich bereits sehr negativ belegt), als leidend und hilflos, oder als ein Mensch, der seine besonderen Bedürfnisse erkannt hat, diese kommuniziert und von unserer sozialen Solidargemeinschaft Verständnis, Akzeptanz und Unterstützung erwartet?
Ich für meine Teil bin lieber divergent als krank, lieber anders, als hilflos, lieber Psychodivergent, als psychisch Krank.
Vielleicht können wir mit diesem kleinen Wort etwas großes ändern, nämlich die Wahrnehmung von psychischen Zuständen, die nicht der Norm der Gesellschaft entsprechen.

Bitte unterstützt diese Idee und seit dabei…

Autor

Thorsten Dürholt
Thorsten DürholtDer Mausebär
Thorsten Dürholt schreibt gerne unter dem Pseudonym Mausebär und engagiert sich in die Genesungsbegleitung, die Betroffenenbeteiligung aber auch in die politische Arbeit.
Er nimmt sich selbst häufig nicht wirklich ernst, aber seine Gegner sollten ihn ernst nehmen. Denn dieser Mensch hat eine Meinung

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