Über das liebe Leid zweier ungleicher Geschwister

Eine Stichprobe seelischer Abgründe des Schmusehamsters (ak)

Gerade habe ich mir einen Tatort des Münsteraner Ermittlerduos Thiel und Boerne angesehen. Der Fall spielte in gutbürgerlichen, akademischen Kreisen reicher Oberschichtfamilien und ihrer scheinbar allgegenwärtigen Leichen im Keller. Es ist nicht das erste mal, dass im Münster-Tatort dieses gesellschaftliche Umfeld und dessen Abgründe beleuchtet werden. Häufig spielen dabei übrigens Mediziner in Führungspositionen und deren bestehende Seilschaften eine tragende Rolle.

Wieder einmal musste ich feststellen, dass diese Klientel bei mir die finsterste Tür seelischer Abgründe öffnet. Ich meine, das laute Klacken des Vorhängeschlosses wahrzunehmen, vermag fast körperlich wahrzunehmen, wie der Riegel zur Seite geschoben wird – schauerlich qietschend, rostiges Metall auf Metall. Dann springt die Tür auf, nur einen Finger breit und entlässt, von Modergeruch begleitet, einen rötlichen Lichtstrahl, unstet flackernd, in mein seelisches Wohnzimmer. Rieche ich da die schwitzende schwarze Fäulnis verwesender emotionaler Exkremente?

Obwohl mir mulmig zumute ist, zieht mich der Türspalt geradezu magisch an und so nähere ich mich mit Trippelschritten. Als ich schließlich in die schmale Öffnung spähe, bemächtigt sich mir das Gefühl, direkt in den Schlund der Hölle zu blicken.
Lodernder Zorn schlägt mir mit schier unermesslicher Hitze entgegen, gebiert sprühende Funken der Verachtung und rotglühenden Hass, ob der hochnäsigen Arroganz, ausgrenzenden Ignoranz, korrupten Vetternwirtschaft und geheuchelten Menschenfreundlichkeit, wie sie, publikumswirksam auf die Rolle des schmierigen Bösewichts zugespitzt, im Fernsehen gezeigt wird.

Gleichzeitig – und das ist dem geneigten Leser sicherlich keine Überraschung mehr – triggern mich diese filmisch gezeichneten Rollenmotive zutiefst. Verschiedene bekannte Protagonisten meines inneren Teams treten auf – der innere linke Gegendemonstrant schüttelt seine Fäuste, der besorgte und politisch eher rechts stehende Wutbürger grölt seine ausgrenzenden Parolen – doch das Maß an Agressivität, welches sie diesmal verströmen, verunsichert mich bis an die Grenze zur Furcht, einen Fackel- und Mistgabel-schwingenden seelischen Mob vor mir zu haben. Mein innerer diplomatisch-pressesprechender Moderator kann nicht verhehlen, etwas eingeschüchtert zu sein, als er mit zitternden Händen ans Rednerpult meiner Psyche tritt. Ich schließe die Augen, so wie er es tut und atme mehrmals tief ein und etwas länger wieder aus – das beruhigt mich. Nun fühlt sich mein innerer Moderator in etwas besserer Verfassung, eine Betrachtung des uns allen heiklen Themas „Trigger“ zu beginnen.

Die durch den Münster-Tatort heraufbeschworenen Trigger gehen zurück an einen neuralgischen Punkt meines Lebens, an dem ich für die Forschung und Entwicklung im medizinischen Bereich, neben hohem Interesse an den biochemischen Ursachen menschlicher Erkrankungen, nicht weniger empfunden habe, als eine tiefe Liebe für das von mir so empfundene Wunder des Lebendigen.

Den Grundstein für diese Liebe, gleichsam den Keimblättern der taubenetzten Pflanze kindlich die Umwelt erforschender Unschuld, legte mein Klassen- und späterer Oberstufenlehrer an der Gesamtschule (Nein, ich schäme mich nicht dafür und ja, das ist das gleiche Abitur, das sie auch am Gymnasium machen). Sein didaktisch am Puls der Zeit ausgerichteter, mit einer Prise Humor gewürzter, Unterricht der verschiedenen Teilgebiete der Biologie bildete das bestmögliche Umfeld für meine ausgeprägte Neugier auf alles, was kreucht und fleucht.

Auf diesem stabilen Fundament konnte ich über die Jahre ein stattliches Gebäude errichten und schließlich mit der Promotion im Fach Biochemie krönen. Gleichwohl hatte mein psychisches Korsett an Bewältigungsmechanismen zu jener Zeit bereits damit begonnen, ernsthafte Risse zu entwickeln, wie ich heute, durch mein in der Recovery geschultes Auge, weiß.

Schon als Doktorand lernte ich jedoch die Kehrseite der Medaille kennen.
Interesse – schön und gut.
Begeisterung – okay.
Gute Ausbildung – jaja.
Aber zentral sind und bleiben doch allein die Ergebnisse, messbar in Fachartikeln und – vor allem – eingeworbenen Fördergeldern, oder etwa nicht?

Nun, ja doch – aber es hängt eben auch ganz wesentlich davon ab, wer Dein Chef ist, in welchen Zeitschriften dieser für gewöhnlich publiziert und nicht zuletzt, wen Dein Chef kennt, sowie ob Du in seiner Gunst stehst oder nicht.
Politik ist für das Fortkommen auf der Karriereleiter im Umfeld der universitären Forschung und Lehre genau so wichtig, wie in der Industrie oder im Parlament. Doch damals vermochte ich noch trefflich gut wegzuschauen und den aufkommenden Brandgeruch, statt mit heißgelaufenen Lagern, mit leckerem Grillgut zu assoziieren.

Doch die am Himmel meiner Seele aufziehenden Wolken bereiteten den Boden für den großen Auftritt des hässlichen Zwillingssbruders der Liebe: des Hasses.

Ähnlich wie für die Liebe zuvor skizziert, war auch der Hass ein Sämling, der in meiner Kindheit und Jugend ein ideales Umfeld genoss, um zu wachsen und zu gedeihen, weniger schulisch, als eher familiär.
Aufgewachsen in einer Familie ehemaliger Arbeiter, Bauern und Soldaten, sowie eingefleischter SPD-Wähler, wurde mir ein tiefes Misstrauen gegenüber Politikern, Reichen und Schönen, sowie Akademikern anerzogen, wenn ich auch – glücklicherweise – Gefühle wie Sozialneid oder Missgunst zwar bisweilen vorgelebt bekommen, jedoch nicht für mich übernommen habe – zumindest nicht vordergründig. [Unvergessen der Satz eines meiner Onkel auf Besuch in meiner Heimatstadt, der den sonntagnachmittäglichen Spaziergang im benachbarten Park- und Villenviertel mit den Worten einleitete: „Gehen wir eine Portion Hass tanken.“]
Im Hinterhof meiner Psyche ist es sehr wichtig, regelmäßig mit Schere und Schaufel, Mäher und Mistgabel tätig zu werden, um emotionalem „Unkraut“ zwar seinen notwendigen Raum zu geben, jedoch mich von seinen dornenbesetzten Ranken nicht erstickend vereinnahmen zu lassen. Dies geht jedoch nicht ohne die eine oder andere Schramme und so manchen quälenden Stich vorüber.

Bevor mich mein Weg über eine Stelle als Laborleiter in den psychischen Zusammenbruch geführt hat, bekam ich die bestehenden Verhältnisse im medizinischen System am eigenen Leib zu spüren. Ich erinnere mich noch gut – heute schmunzelnd – an wöchentliche Seminare der Klinik, an der ich gearbeitet habe und wie sich die anwesenden Assistenzärzte darin zu überbieten versuchten, dem Chefarzt in seinen weißbekittelten Allerwertesten zu kriechen, während meine unmittelbaren Mitarbeiter und ich, als Naturwissenschaftler ein ganz anderes System flacher Hierarchien sowie hilfsbereiter Wertschätzung gewohnt, fassungslos daneben gesessen haben.
[An dieser Stelle legt der Late-Line-Moderator in meinem inneren Team übrigens eine alte Platte auf und zwar das schöne Lied mit dem Titel „Arschkruffe“ von „De Vajabunde“: der Refrain dieses in Kölner Mundart vorgetragenen Liedes geht in etwa so *räusper* :“Jo, wat nötz‘ et, wenn de einem in dä Ahsch kruffe wills‘ un‘ do sitz‘ schun eine drin?“ – Hochdeutsch: „Ja, was nützt es, wenn Du einem in den Allerwertesten kriechen möchtest, aber da sitzt schon einer drin?“]

Möglicherweise rühren meine, durch die Trigger im Münster-Tatort ausgelösten, düsteren Gefühle für Angehörige eines Berufs- und Begütertenstandes einerseits von der frappierenden Ähnlichkeit der beschriebenem Klischees mit meinen Erfahrungswerten aus meiner beruflichen Laufbahn her.
Sicherlich spielen dabei andererseits meine eigenen verletzten Gefühle eine Rolle, die durch meinen psychischen Niedergang, gipfelnd im Zusammenbruch 2014, empfindliche Wunden und bis heute schmerzende seelische Narben hinterlassen haben.

Am Scheidepunkt meiner Karriere, als mich Neugier und Interesse, in Verbindung mit Fleiß und Glück des Tüchtigen, nicht mehr alleine zu tragen imstande waren und ich mich genötigt sah, gewissermaßen politisch aktiv zu werden, zu schmeicheln und aufzuschneiden, sah sich meine große kindliche Liebe getäuscht und die erwachsene Fratze des Hasses erwachte in all ihrer Schrecklichkeit.

Mir ist bewusst, dass ich nur den kleinsten Teil an Menschen kenne, die den von mir so verabscheuten Berufsstand vertreten. Zudem kenne ich Vertreter, die mir den Eindruck vermitteln, gute und rechtschaffene Arbeit zu leisten, sich Zeit zu nehmen und sich nicht für etwas „Besseres“ zu halten.

Durch die Recovery ist mir bewusst geworden, dass ich den hässlichen Zwillingsbruder der Liebe aushalten, ihm einen adäquaten Platz in meinem inneren Team, oder – weiter gefasst – in meinem inneren Parlament zuweisen sollte. Denn am richtigen Platz strategisch aufgestellt und genau zum passenden Zeitpunkt eingesetzt, kann mir auch diese Emotion nützlich sein. Nicht allein, denn nur zu deutlich erscheint mir die Gefahr, zu verbrennen und meine Psyche mit dem ölig-schwarzen Ruß der Verbitterung zu vergiften, aber im Verbund mit anderen Mitspielern, weiteren emotionalen Farben, ist auch der Hass eine essenzielle Facette meines gesunden Ichs.

So wie ein Maler sich stets der gesamten Palette an Farben bewusst ist – Schwarz und Weiß bewusst eingeschlossen – und deren mannigfaltige Vermischungen, Schattierungen und Wirkungen auf der emotionalen Klaviatur zu famosen Gesamtkunstwerken zu arrangieren vermag, so ist auch im Umgang mit Gefühlen die volle Bandbreite notwendig, unabhängig davon, ob sie unserem persönlichen Gusto, für sich allein genommen, zu- oder abträglich erscheinen, denn Geschmack liegt schließlich immer im Auge und in der Stimmung des Betrachters, um jedes beliebige Motiv, das unser seelisches Auge wahrnimmt, auf unsere emotionale Leinwand bannen zu können.

Dabei trage ich durch meine Recovery, Salutogenese und Empowerment dafür Sorge, dass meine Gefühlsbilder auch wirklich bunt sind. Schaut mir dabei bitte immer über die Schulter, denn durch den Austausch mit Euch bekommen meine seelischen Landschaften die Tiefe, welche sie brauchen. Und warnt mich rechtzeitig, wenn ich dunkle Wolken male, während mir die Mittagssonne Schweißperlen und einen Sonnenbrand auf die Stirn treibt.

Fühlt Euch gedrückt und bleibt neugierig.

Euer Schmusehamster (ak)

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