Wir und ich – Ich und wir

Eine perspektivische Betrachtung, in zahlreichen geistigen Mäandern, über die individuelle Konformität des non-konformen Mausebärs (td).

Ein Wochenende liegt hinter mir. Dieses Wochenende war voller Zeit, mir Gedanken zu machen und mehrfach zuckte es mich in den Fingern, einfach den Rechner hochzufahren und mit dem Schreiben zu beginnen.
Ich habe mir selbst auf die Bärenpranken geschlagen und es mir verboten.
Ich wollte es aushalten, einfach nicht zu eskalieren.

Ich ließ Gedanken kommen und auch wieder gehen.
Manche Ideen wären großartiges Material für meine Berichte hier gewesen und manche Impulse waren voller grotesker Kurven und Abzweigungen, so dass es interessant gewesen wäre, diese Gedanken in Worte gebannt auf Papier zu betrachten.
Vielfach dachte ich auch vor, was ich gerne schreiben würde, aber ich bannte diese Pläne gleich wieder aus meinem Kopf.
So schreibe ich nicht.
Ich mache mir keine Stichwortsammlung um möglichst jeden impulsiven Gedankensturm einfangen zu können.
Vielleicht sind unzählige Perlen der Literatur jetzt für immer untergegangen, obwohl ich es wage, daran stark zu zweifeln.

Jetzt kommt übrigens das Neue, was mir das Wochenende gebracht hat. Ich zweifele nämlich nicht daran, dass meine Texte etwas schimmerndes und perlenhaftes haben können und ihnen auch von so manch einem Leser Wert beigemessen wird, sondern ich zweifele an dem dauerhaften Verlust meiner Gedanken. Also kein „Shitstorm“ in meinem innerem Team über meine literarischen Fähigkeiten.

Früher gab es Zeiten, da gab es noch Fernsehsender mit einem fixem Fernsehprogramm, so ganz ohne streamen und so.
Ich erinnere mich noch an diese dunklen Zeiten, als es nur wenige Fernsehprogramme gab, jede Familie nur einen Fernseher hatte und ein Videorecorder, der jetzt bereits veraltet ist, noch ein Wunschtraum war.
Sehr oft kollidierte das Fernsehprogramm mit dem wahren Leben und man musste diverse Sendungen einfach verpassen. Damals lernte ich, dass alle wichtige früher oder später wieder erscheint.
Und so war es immer, sei es mit Musik, Filmen oder Büchern, irgendwann tauchen sie wieder auf…

Mit guten Ideen ist es genauso. Ich glaube, sie gehen nicht verloren, sondern sie warten irgendwo, bis es an der Zeit ist, wieder ihren Kopf nach oben zu recken und sich bemerkbar zu machen.
Wie kleine pelzige Tiere, die Winterruhe halten, kuscheln sie sich warm ein und warten darauf, dass ihre Zeit wieder kommt.

Warum mache ich mich nicht runter heute?
Weil ich dieses Wochenende, angeregt von einer 10-teiligen Fernsehserie, die mich in den Bann gezogen hat und mal eben von mir durchgeschaut wurde, eine interessante Gedankenkette gebildet habe.
Ich will hier jetzt nicht großartig eine Serienkritik formulieren, Werbung für die Serie machen oder lange darum herum reden, sondern dazu einladen, meiner Gedankenkette zu folgen.

Am Anfang einer philosophischen Reise steht immer eine These, also eine Aussage, mit der ich beginne und diese mal einfach so nehme, wie sie ist.
Meine diesmalige These und Beginn meiner geistigen Wanderschaft, ist ein Paradox, jedenfalls auf den ersten Blick. Meine Kernthese, mit der ich anfangen will lautet:

Alle Menschen sind gleich und alle Menschen sind einzigartig – das bedeutet alle Menschen sind sowohl individuell in ihrer Konformität, als auch konform in ihrer Individualität.

Frei aus Mausebärs Gedankenwelt

So, die meisten aller Menschen habe ich an diesem Punkt wahrscheinlich verloren, dabei ist das Ganze gar nicht so kompliziert, wie es klingt und auch gar nicht so widersinnig, wie es den Anschein hat.
Was soll diese Aussage bedeuten und was bringt diese Aussage?

Im Kernpunkt wage ich es zu behaupten, dass in jedem Menschen zwei Eigenschaften stecken, nämlich Konformität (also Gleichheit) und Individualität (also Ungleichheit).
Klingt erst mal völlig abstrus.
Denn normalerweise müsste sich ja beides absolut Gegensätzlich verhalten und somit gegenseitig negieren. So sagt es die Regel der Logik. Aber betrachte ich das Ganze genauer, fällt mir etwas auf.
Eigentlich fallen mir viele Dinge auf…

Nehmen wir zuerst mal den Körper.
Mein Körper wurde nach dem selben Bauplan entwickelt, wie der Körper aller Menschen. Zwei Arme, zwei Beine, und so weiter. Im Großen und Ganzen sind wir physiognomisch doch recht gleich. Selbst der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist eher marginal.
Beweisbar ist diese Aussage in in Erkenntnissen wie: „für mich sehen alle Asiaten gleich aus“.
Betrachten wir den Menschen aus der Perspektive einer völlig anderen Spezies, gibt es unter uns genauso wenig Unterschiede, wie wir sie z.B. bei einem Haufen Ameisen sehen würden.
Dennoch hat jeder von uns einen einzigartigen genetischen Code, wir haben individuelle Fingerabdrücke und unterschiedliche Augenretina.
Wir haben Möglichkeiten, einen Menschen ganz konkret von den Anderen zu unterscheiden.

So komme ich langsam weiter zu meinem Gedanken.
In mir verspüre ich zwei drängende Kräfte – den Willen, mich durch meine Einzigartigkeit von der Masse der Menschheit abzuheben und die Hoffnung, in der Gruppe der Menschen die mich umgeben, als einer der Ihren akzeptiert zu werden.

Seit ich mich erinnern kann, wollte ich schon immer etwas besonderes sein.
Ich wollte der Held meiner Geschichte sein, das einzigartige Individuum, was bewundert und gefeiert wird.

Seit ich mich erinnern kann, wollte ich schon immer dazu gehören.
Ein Teil der Gemeinschaft sein und mit Freunden gemeinsame Dinge tun.

Ich war auf der Suche nach Leuten, die so sind wie ich es bin, um auf Verständnis zu stoßen.

Ich war auf der Suche nach dem Besonderen in mir, um mich hervorzuheben.

Das Problem meines Lebens war schon immer, dass ich beide Extreme sehr intensiv fühle.
So intensiv, dass es mir Schmerzen bereitet.
Außerdem ist die Angst mein ständiger Begleiter, der mir droht, dass ich eines von Beiden für immer verliere, wenn ich zu sehr nach dem Anderen strebe.
Wie das anderen Menschen geht, kann ich nur erahnen, aber ich denke, dass meine hochgelobte „Perspektivübernahme“ nicht funktionieren würde, wenn wir uns nicht alle ähnlich genug wären, um Gefühle ähnlich, oder sogar gleich, zu empfinden.
Ich leide unter diesem inneren Konflikt, ohne bisher zu erkennen, dass es gar kein Konflikt ist.
Der Logiker in mir hat sich enorm getäuscht…

Es ist eher seltsam, dass ich mich herunterputze vor anderen, um dann das Gegenteil bestätigt zu bekommen.
Sich selber zu beleidigen, ist eine verdammt komische Methode, um auf die petri-gefällige Jagd nach Komplimenten zu gehen, wie es der Brite etwas nonchalanter ausdrücken würde.
Was ist falsch daran, einfach so mal stolz auf sich zu sein und sich selbst zu feiern?
Sich mit diesem Gedanken auseinanderzusetzen, ist einfach eine von Myriaden Denkanstößen, die sich mir geöffnet haben, seit ich Samstagabend einfach mal den Gedanken zuließ, dass es in Ordnung ist, etwas Besonderes sein zu wollen und dass es ebenso in Ordnung ist, Teil eines Ganzen zu sein.
Es ist auch kein Mittelweg, den ich sonst immer suche (und selten finde), sondern einfach die Erkenntnis, dass meine Individualität und meine Konformität rein gar nichts miteinander zu tun haben.

Nur weil ich ein denkendes und fühlendes Individuum bin, macht mich das noch lange nicht zu einem Nonkonformisten.

Nur weil ich es genieße, Teil eines größeren „Wir“ zu sein und mich die Gegenwart Gleichgesinnter Sicherheit spüren lässt, verliere ich nicht meine eigene Subjektivität, sondern ich bleibe ich.

Viel zu oft verwunderte mich der alte Spruch einer meiner Lehrer: „In einem Wir steckt kein Ich“, weil ich nicht erkannte habe, dass es bedeuten sollte: „In einem Wir stecken ganz viele Ichs“.
Jedes dieser Ichs will wahrscheinlich genau dasselbe, was ich auch will, nämlich etwas besonderes sein und doch bei einer Gruppe dazugehören.
Und wenn das wahr ist, dann heißt das doch, dass wir nahezu verpflichtet sind, uns in unserer Einzigartigkeit gegenseitig wahrzunehmen und als gleich(wertig) zu vereinen, um gemeinsam mehr zu sein, als die Summe der Teile.

Ich versuche diese Gedanken mal mit in die nächste Woche zu nehmen, um herauszufinden, ob diese Idee mich weiterhin glücklich macht und würde mich freuen, wenn ihr einfach euch traut Euren eigenen Gedanken dazu einfach in die Kommentare zu schreiben oder mir anderweitig zugängig zu machen.

Ich freue mich auf eine neue Woche voller Entdeckungen und mag mich und uns gerade sehr gerne.

Euer kurzzeitig erleuchteter Mausebär (td)

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