Meinungsbefreit

Einer dieser Texte, in denen der weise alte Sensei Mausebär (a.k.a. Thorsten Dürholt) es mal wieder nicht schafft, sich angstfrei in gewaltfreier Kommunikation mit dem inneren Selbst zu üben.

Vorhin hatte ich wieder die Zeit, meine Gedanken etwas baumeln zu lassen. Tatsächlich habe ich dafür ein paar ruhige Minuten gefunden.
Erst ging mir dies und das so einfach im Kopf herum, dann wurde es konkreter, denn eine meiner inneren Stimmen fragte mich ganz nonchalant, ob ich denn schon über eines meiner Lieblingsthemen geschrieben hätte.

Gemeint ist natürlich die Redefreiheit.

Hui, gleich gab es Aufregung im innerem Team.

Darf ich das überhaupt?
Ist das noch Genesungsbegleitung?
Ist das Erfahrungswissen?
Gehört das zu meiner Philosophie?
Ist mein täglicher Text der richtige Ort für ein Politikum?
Ist dieses Thema überhaupt politisch?

Aus dem Protokoll der inneren Teamsitzung 17.04.2020

Sondersitzungen wurden in meinem inneren Parlament einberufen, Expertenausschüsse gebildet und alte Akten und Protokolle hervorgekramt.
Während dieser reichhaltigen Debatte schlich ich mich leise an meinen Rechner. Und während alles so langsam hochfuhr, lauschte ich den inneren Stimmen.
Und obwohl noch warnende Verweise über die Reaktion der Redaktion und den drohenden Verlust meiner Leserschaft durch die ehrwürdigen Hallen meiner Persönlichkeit schallten, war die Entscheidung getroffen.
Natürlich will ich auch diesmal etwas Persönliches, ja quasi Brauchbares, aus meinen Gedanken machen. Und auch wenn ich meine üblichen Predigten wahrscheinlich maximal bis zum Ende unterdrücken können werde, versuche ich mich heute mal ganz anders diesem Thema zu nähern.
Nämlich persönlich…

Jeder der mich kennt, hat schon mal mitbekommen, dass mich nichts mehr aufregt, als die Einschränkung der freien Meinungsäußerung.
Jegliche Form von Zensur oder Sanktionierung von Meinungen löst bei mir ganze Vorträge aus, bei denen ich mich viel zu oft in Rage rede.
Dass ich dabei keine andere Meinung gelten lasse, ist mein persönliches Dilemma, denn es wird ja zum Absurdum, wenn man über die Freiheit der Rede nicht frei diskutieren kann.
Ich werde provokant, halsstarrig und im allgemeinen äußerst unangenehm. Und in der späteren Reflektion bin ich mir sogar selbst unangenehm.
Aber kann ich mich für die Verteidigung meines höchsten Gutes überhaupt entschuldigen?
Ein kluger Mann würde jetzt eindeutig sagen, man könne sich ja für die Art, nicht für den Inhalt entschuldigen.
Das wäre natürlich eine Lösung. Daran könnte ich glatt arbeiten. Meist tut es mir ja auch selber leid, wie anstrengend ich für meine Mitmenschen bin. Aber das ist ja gar nicht mein Thema heute.

Tatsächlich habe ich heute in mir einen freudigen Philosophenkreis, der mir dauernd ins Gehirn fäkalisiert.
Gerade noch wollte er mich verführen, den Text in Richtung des Verhältnisses von Mittel zu Ergebnis zu drehen.
Da bin ich noch rechtzeitig drüber gehüpft.
Jetzt werde ich schon wieder angeregt, darüber zu sinnieren, was ich für ein schlechter Mensch bin. Das brauche ich heute auch nicht.
Interessant ist eher die Frage, warum meine Gedanken jegliche Abzweigung von meinem jetzigen Gedankenpfad ins Spotlight zwingen, wie den Teilnehmer einer Castingshow.
Welche dunklen Abgründe warten auf dem Weg vor mir?
Gut, ich rede gerne über die Freiheit der Meinung. Eindeutig habe ich da eine Meinung und kein Problem damit, diese hinauszuposaunen.
Was ist diesmal anders?
Die Andeutung, dass ich mich heute dem Thema selbstkritisch nähere?

In mir kommt ein kleines Kribbeln hoch. Spannung steigt in mir auf und vorsichtig, aber umso neugieriger, leuchte ich mit der Taschenlampe meines Intellektes auf den Pfad vor mir.
Keine weiteren Abzweigungen, kein Blick zurück auf den hell erleuchteten Kirmesplatz meiner üblichen plakativen Aussagen. Jetzt geht es aber mal tief ins dunkle Gehölz.

Immer, wenn ich höre „Dass kann man doch so nicht sagen!“, geht mir der Hut hoch. Auch ein „Das macht man halt nicht!“, ist eher kontraproduktiv für meinen Blutdruck.
Dabei frage ich mich schon seit Jahrzehnten, wer dieser ominöse „man“ überhaupt ist. Das passt nicht in mein Verständnis.
Schließlich habe ich gerade Buchstaben zu Worten und Worte zu Sätzen geformt. Diese habe ich ganz klar auf phonetische Weise aus meinen Körper befreit. Es scheint also eine Eigenart von diesem „man“ zu sein, dass er diverse deutsche Satzgebilde nicht von sich geben kann.
Das wäre, wenn ich ihn kennen würde, vielleicht eine interessante Information, aber doch nicht in Bezug auf meine gerade getätigte Aussage.
Und ja, ich mache das mit Absicht. Seit ich bei meinem Freund, dem Polarbären, in die Lehre gehe, was sprachliche Verbindlichkeit angeht, habe ich angefangen, Ungenauigkeiten nicht nur aktiv (also bei mir), sondern auch passiv (bei Anderen mir gegenüber) zu bekämpfen.
Da ich nicht andauernd meine Umgebung verbessern will, oder dauernd meine Mitmenschen zurechtweisen kann, habe ich mich für das faszinierende Werkzeug der Naivität entschieden.
Nur weil ich tendenziell zwischen den Zeilen lesen kann, muss ich das schließlich nicht gleich mit vorlesen.

Und schon wieder ein Umweg.
So wie ich heute um den Pfad mäandere, wird es wohl ein langer Weg zum Ziel.
Arme Sonja, eine Menge Kommas werden auf dem Weg liegen.
Armer Alex, der soll den ganzen Mist ja auch gegenlesen.
Vielleicht mache ich einen Guerilla-Text daraus, würde doch zur freien Meinungsäußerung passen?
Zurück auf den Weg, das sanfte Rehlein „Umgang mit der Redaktion“ zurück in den Wald geschoben und weiter geht es.
Ich mag es nicht, wenn mir jemand den Mund verbietet, weder tatsächlich, also zum Schweigen, als auch inhaltlich.
Eine Quasselstrippe war ich schon immer. Einer von denen, „bei dem man das Maul nach dem Tod noch extra totschlagen muss“.
Nicht reden zu dürfen, ist mir ein Grauen.
Zwar habe ich mittlerweile Techniken entwickelt, meinen Redefluss unter Kontrolle zu halten – also manchmal! – aber trotzdem ist es wie eine Sucht. Zwei herausstechende Themen sind dabei „das letzte Wort“ und „alles zu kommentieren“. Vielleicht hängt das mit meiner Geltungssucht zusammen.
Ich glaube, ich wäre gerne so intelligent, gebildet und schlagfertig, dass ich immer das letzte Wort habe. Bin ich aber nicht.
Daher habe ich mir zwei Hilfsmittel zugelegt. Als erstes den Humor. Lachende Menschen reden nicht. Eine Pointe ist somit immer das letzte Wort. Zack, gewonnen.
Das zweite Hilfsmittel ist die Provokation – einfach etwas in den Raum zu stellen, wo jeder mit offenem Mund stehen bleibt. Es gibt Dinge, auf die kann man nichts mehr erwidern, ohne „doof“ dazustehen. Egal ob mein Gegenüber jetzt die Fresse hält oder sich blamiert, das letzte „gute“ Wort hatte ich.
Der wahre Leidensweg meines Umfeldes begann, als ich merkte, dass man diese Techniken auch wunderbar mischen kann.
Humor und Provokation funktionieren wunderbar miteinander.
Egal in welcher Geschmacksfarbe, ob zynisch oder sarkastisch, es funktioniert.
Der wunderbare Comedian Serdar Somuncu beeindruckte mich mal auf das Höchste. Ich saß, nicht Böses ahnend, denn damals kannte ich ihn noch nicht, in einem Auftritt, wo er das Programm „Hassprediger“ spielte. Ich hörte Worte, die mir direkt aus der Seele sprachen:

Ich sage das, was ihr euch nicht zu denken traut!

Serdar Somuncu, aus dem Programm „Hassprediger“

Ich war fasziniert. Das war mein Humor. Meine Humorheimat ist die Satire.

Ja, ich liebe Satire.
Ich mag die überzogene Darstellungsart – den Aufschrei zwischen Humor und Provokation, gewürzt mit Meinung.
„Satire darf alles“ wurde nicht nur mein Credo, sondern auch mein Schutzschild.
Wenn nämlich Satire alles darf, legitimiert das direkt den Einsatz meiner beiden Lieblingswaffen. Humor und Provokation.
Allerdings braucht es noch den Anschein des „Guten“.
George W. Busch hatte seinen „Krieg gegen den Terror“, Hitler die „wild schießenden Polen an der Grenze“ und die „bösen Reichstagsniederbrenner“, die Kreuzritter das „miese Heidenpack“ – jeder hat so sein offizielles Feindbild, um die eigene Aufrüstung zu legitimieren.
Bei mir ist es die Einschränkung der Meinungsfreiheit.

Manchmal ist es auch nur ein Schild, hinter dem ich stecke, um aus sicherer Deckung heraus meine Parolen zu skandieren.
In dieser Hinsicht unterscheidet mich nichts von anderen Populisten.
Da ist es doch auch letztendlich nur fair, dass ich den anderen Idioten das selbe Recht einräume.
Es geht mir gar nicht um die Inhalte, sondern nur um meine Angst – wann wird mir der Redestein endgültig entrissen?
Obwohl ich mit dem Teil häufig schmeiße und auch gerne Richtung Kopf oder Genital ziele, habe ich den nämlich ganz doll lieb.
Ich bin kein „böser, menschenverachtender Was-auch-immer-Feind“. Ich verkleide mich nur manchmal gerne als ein solcher.
In dieser Rolle bin ich sicher und kann meine Werkzeuge gekonnt einsetzen.
Und obwohl ich mich immer mehr innerlich von dieser Rolle distanziere, nämlich mit jedem Schritt, mit dem ich mich auch von meinen Ängsten löse, wird sich diese Maske immer mal wieder um mein Gesicht legen, um mich zu schützen.
Dieser Text macht mir auch Angst, denn ich rede ungern über meine Ängste.

Mein innerer Narzisst springt gerade im Dreieck, weil ich dabei bin, öffentlich zuzugeben, dass meine „charmante und weltgewandte“ Art tatsächlich eine Konsequenz meiner Angststörung ist.
Dass meine Fähigkeit, tief in die Abgründe des Niveaus einzutauchen und selbst bei dem miesesten Arschloch noch die gut verschlossene Kellerklappe zu finden und zu durchbrechen, keine Kunstform ist, sondern mentale Selbstverteidigung.
„Tu‘ es nicht!“ schreit es in mir.
„Zeige deiner Umgebung nicht deine Waffen und vor allem erkläre sie nicht – ich verliere den Überraschungsmoment!“
Aber vor zwei Tagen habe ich eine bedeutsame Entscheidung getroffen.
Ich wurde zum ersten Großmeister der MbKl.
Auf dem Weg zum Meister gibt es, jedenfalls laut den japanischen Budo-Regeln, eine Stelle, wo sich eine Entscheidung versteckt hält. Nicht der Umgang mit meinen kommunikativen Waffen macht mich zum Meister, sondern auch die Entscheidung, diese Waffen nicht zu nutzen. Der wahre Meister zeigt sich in den Lehren, die seine Schüler verstanden haben.
Daher präsentiere ich Euch diese beiden Waffen aus meinem Arsenal.
Humor und Provokation sind nur bedingt Verteidigungswaffen, denn obwohl der Angriff zumeist die effizienteste Art der Verteidigung ist, ist es auch der kostspieligste Weg. Es kostet mehr als nur Ressourcen, es kostet Seele. Und Seele ist ein sehr langsam nachwachsender Rohstoff.
Die beste Verteidigung des MbKl ist und bleibt der offene Dialog.
Und solltet Ihr merken, dass ich mal wieder mit meinen Lieblingswaffen (über Gebühr) meine „Kata“ in Eurem Vorgarten mache, weist mich doch einfach darauf hin.
Nehmt Bezug auf diesen Text – Klugscheißen ist eine legitime Technik meines Stils.
Macht Euren ehrenwerten Sensei Mausebär stolz und nutzt diese Technik.

Um die Predigt von „Reverend Mausebär“ abzukürzen, bzw. zu unterbinden, gebe ich Euch noch kurz die Zusammenfassung – ganz unterbinden kann ich den Sausack leider nicht.

  • Freie Meinungsäußerung ist ein wichtiges Grundrecht – nur aus freien Meinungen entspringen freie Gedanken und Diskussionen.
  • Freie Meinungsäußerung ist keine Einbahnstraße – nur weil ich eine Meinung nicht leiden kann, sollte ich mir nicht das Recht heraus nehmen diese zu verbieten.
  • Nur durch freie Meinungsäußerung kommt es zum Dialog – wenn ich tatsächlich auf Augenhöhe diskutieren will, dann muss ich auch die Meinungen meines Gesprächspartners ernst nehmen.

Ich denke, da sage ich weder was neues noch was originelles. In Wirklichkeit gefällt mir die Rolle von Sensei Mausebär auch besser als „Reverend Mausebär“; darin steckt mehr innere Gelassenheit.

Findet den Weg Eurer eigenen verbalen Weisheit,

Euer satirisch grinsender Großmeister Mausebär, Träger des (frisch gewaschenen) schwarzen Schlüpfers der Provokation (a.k.a. Thorsten Dürholt)

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