Speaker’s Corner: Noch einer dieser Tage…

Ein persönlicher Einblick von unserem Gastautor Sascha Rück (Redaktionell bearbeitet und mit einem Vorwort von Thorsten Dürholt)

Zu meiner großen Freude präsentiere ich Euch erneut einen Text von einem Gastautor.
Auch diesmal ist es wieder eine sehr persönliche Betrachtung, über die ich mich aufrichtig freue.
Sascha ist ein guter Freund von mir, was es schwer macht, den Text objektiv zu betrachten, aber das muss ich zum Glück auch gar nicht.
Ich hoffe, dass wir bald häufiger Gastautoren bei uns begrüßen dürfen und lade Euch jetzt ohne weitere Umschweife zu Saschas Text ein…

Noch einer dieser Tage…

Es ist das erste Mal, dass ich versuche meine Gedanken zu verschriftlichen.
Als Aspi und Kommunikationsass sollte mir dies nicht schwer fallen.
Tatsächlich fühle ich mich gerade eher in einem automatischen Schreibmodus, dass irgendwie Ballast mal aus meinem Hirn raus muss und aus Distanz und von Anderen betrachtet wird.
Ich bitte daher im Voraus um Verständnis, wenn mein innerer Lektor dieses Mal ausgeschaltet bleibt und ich – wie schon erwähnt – einfach automatisch schreibe.
Mausebär mag es dann in der Redaktion diskutieren und entscheiden, ob es veröffentlicht wird oder nicht.

Prolog – Wild River

Einer dieser Tage…das war ein Beitrag von Mausebär.

Einer dieser Tage war gestern, wo ich mich tatsächlich in einem Zustand befand, wo ich kurz vor einem „Meltdown“ stand.
Mir war alles zu viel.
Mein derzeitiger Job macht mir zwar Spaß, allerdings „bettel“ ich schon seit Antritt der Stelle um eine behindertengerechte Ausstattung des Arbeitsplatzes.

Bei meinem alten Arbeitgeber gab es dafür eine Schwerbehindertenvertretung – man ging hin, formulierte sein Anliegen, was man brauchte. Es kostete einen Anruf und eine E-Mail an den Integrationsdienst der Stadt und zwei bis drei Wochen später hatte man das Verlangte.

Hier in der Niederlassung existiert (noch) keine Schwerbehindertenvertretung (SBV). Anträge werden über die Gesamt-SBV des Konzerns – welcher in Hamburg sitzt – geleitet und diese sollte im Idealfall für die Bereitstellung der notwendigen Mittel sorgen.

Erster Akt – Das Drama nimmt seinen Lauf

Weit gefehlt.

Als ich äußerte, dass ich aufgrund meiner Schwerbehinderung eine besondere Ausstattung brauche, wurde ich erstmal schräg angeschaut.
Nun gut, der Betriebsrat (BR) erbarmte sich meiner, nahm meine Anliegen auf und leitete sie weiter.

Und es geschah – nichts.

Nach Rückfrage wurde mir mitgeteilt, dass dies erstmal über die Rechtsabteilung des anderen Standortes laufen musste (ich frage mich immer noch warum, da das Sozialgesetzbuch (SGB) alles klar vorgibt).
Nach weiteren zwei Wochen – in denen nichts geschah – und mehrere Interventionen an den BR später übergab man den Vorgang an die lokale Personalchefin.

Zweiter Akt – Das Inferno

Und dann geschah etwas, was ich zwar schon vorausgeahnt hatte, was bei mir wiederum Frustrationen auslöste und in eine schwere depressive Episode führte. Symbolisch hätte ich mir in diesem Moment den Strick genommen.

Ich wurde tatsächlich – und allen Ernstes – gefragt, warum ich diese Hilfsmittel benötige (es handelt sich dabei um drei Monitore und einen Laptop).
Ich wies – zum Glück mit Hilfe eines BR-Mitgliedes, welches bei diesem Gespräch auf meinen ausdrücklichen Wunsch dabei war – darauf hin, dass mir diese technischen Hilfsmittel meine Arbeit erleichtern.

Als Antwort kam dann: „Ja, nur im Zuge der Gleichberechtigung müssten das dann ja deine Kollegen auch haben. Hast Du nicht etwas Schriftliches, eine Empfehlung eines Arztes oder Psychiaters?“

WTF – ich bin derjenige, der Hilfe braucht und muss mich allen Ernstes noch für meine Behinderung rechtfertigen?

Dritter Akt – Planet der verlorenen Zeit

Und da schaltete ich ab. Ich habe den Rechtfertigungsmodus so satt gehabt die ganzen Jahre, BEVOR meine Behinderung als solche festgestellt wurde.
Und hier geht es wieder von vorne los, weil sämtliche Leute keine Ahnung haben, wie man den Integrationsdienst als Arbeitgeber kontaktiert und um Unterstützung bittet.

Letztendlich lieferte ich die lokale Adresse und man sicherte mir zu, mich sobald wie möglich zu informieren.

Dies ist jetzt auch schon wieder zwei Wochen her.

Ich bin durch Home Office gezwungen, mit einem aufs Minimalste ausgestatten Rechner und einem(!!!) Monitor zu arbeiten. Recherche kann nicht betrieben werden, da die IT-Regeln jede Seite, die aus Google weiter herausführt, blockt.

Zurück zu gestern.

Vierter Akt – Samurai

Ich war durch das Wetter nicht gerade gut drauf – Wetterumschwünge führen bei mir zu Kopfschmerzen, die ich dann massivst mit Medikamenten unterdrücken muss, um funktionsfähig zu sein.
Und bedingt durch fehlende Psychopharmaka war ich seit Tagen auf kaltem Entzug, was mir meine Arbeit nicht wirklich erleichterte.

Nachdem dann gestern mit Mühe und Not einige Reporte fertiggestellt waren, holte ich mir einen weiteren Kollegen ins Boot.
Ich war fertig, ich zitterte, ich hatte Mühe, mein äußeres Konstrukt zu wahren. Dennoch gelang es mir, mein Anliegen nochmal dringendst zu schildern, auch mit dem Hinweis, dass ich so nicht effektiv und effizient arbeiten kann und will.

Nach dem Gespräch war mir wirklich zum Heulen.
Ich konnte es nicht.

Also ging ich auf Youtube und suchte mir was aus meiner Musikapotheke.
Es lief viel von Michael Cretu.

Samurai
Wild River
Zeitlose Reise
Planet der verlorenen Zeit

Und bei jedem Lied fühlte ich mich mieser. Ich postete sie auf Facebook mit einem Emoticon.
War es ein Hilfeschrei?
Lediglich eine Person hat diesen gehört und fragte mich, was passiert sei.
Ich habe nicht geantwortet.

Epilog – Zeitlose Reise

Heute wachte ich nach einer unruhigen Nacht mit weiteren Kopfschmerzen auf.
Okay, das war ein STOP meines Körpers (oder Geistes?).

Nach dem täglichen Teamgespräch nahm ich mir heute frei. Ich wollte und konnte nicht mehr.
Immerhin kam heute eine kurze Rückmeldung, dass sich die IT Abteilung telefonisch Montag bei mir melden will.

Derzeit dröhn ich mich aus meiner Musikapotheke mit Enya zu.
Macht nicht abhängig und beruhigt.

Ich hoffe, wenn die Hilfestellung der „Happy Pills“ eintrifft, dass ich dann wieder den Logiker (Vulkanier) in mir zum Vorschein bringe, der alles unter Kontrolle hat.

Falls Euch Ideen kommen, was ich noch machen kann, kommentiert.

Grüße vom Polarbären

Es ist natürlich maximalfäkalisiert, wenn man in seinen Problemen vom Wohlwollen anderer Personen abhängig ist. Schlimmer noch: wenn der „Gegner“ eine Organisation ist, in der sich jeder Ansprechpartner auf die Sachkompetenz anderer beruft. Da hilft nur Geduld und zähes „daran herum nagen“.
Persönlich kenne ich „solche Tage“ aus der „liebevollen“ Zusammenarbeit mit dem Jobcenter, wo schon manche imaginäre Bissstelle die Tische garniert.
Im Namen der Redaktion wünsche ich Dir, lieber Polarbär, ganz viel Kraft und statt dauernd in trauriger Musik zu ertrinken, rate ich Dir zur Kontaktaufnahme mit wohlmeinenden Freunden. Manchmal muss der innere Verdauungsendproduktsbestand einfach sachgerecht entsorgt werden.

Also bleib mit uns im Gespräch.

Liebe Grüße,

Thorsten Dürholt

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