Urlaub vom Ich

Ein kleiner Vorfall bringt das ganze innere Gebäude des Mausebärs (td) ins wanken und er würde sich gern einen Urlaub von sich selbst gönnen.

Manchmal in meinem Leben möchte ich einfach flüchten. Das ganze Chaos um mich herum einfach hinschmeißen und einfach weg.
Einfach mal mich ins Auto setzten und losfahren, ohne daran zu denken, zurück zukommen.
Losfahren, egal wohin und einfach was anderes zu machen.

Ich wusste gestern morgen noch nicht, dass es ein solcher Tag wird. Ich hatte einen guten Start in den Tag und ein angenehmes Gespräch am Mittag. Am Nachmittag hatte ich einen Zahnarzttermin und wider erwarten hat mich die neue Füllung kein Geld gekostet und auch nur wenige Schmerzen verursacht. Auf dem Rückweg fuhr ich noch eine bekannte Fast-Food-Kette an, um mir einen Snack zu gönnen. Ich kam mit einer braunen Papiertüte voller Leckereien zuhause an und holte einen Brief aus dem Briefkasten.
Als ich ihn dann im Wohnzimmer las, drehte sich mein Magen fast um. Ich konnte nicht mehr weiter essen. Ich las ein zweites Mal. Es war ein Schlag in die Weichteile. Ich will nicht auf die Einzelheiten eingehen, aber es war eine amtliche Bestätigung über einen absoluten Vertrauensbruch.
Es hat mich echt fertig gemacht.

Ich versuchte die Situation zu klären und stieß auf Taube Ohren und einen vorwurfsvollen Mund.
Zurückgelassen wurde ich mit Fragen, Zukunftsängsten und Selbstzweifel.
Und jeder Menge Wut.
Ich tat das einzig Richtige, ich suchte das Gespräch mit Freunden.
Das half, aber trotzdem lag eine Nacht voller Selbstvorwürfen und Grübeleien, wie ein dunkles Omen vor mir.
Die Erkenntnis, ein langes Wochenende lang nichts tun zu können, vielleicht sogar in den nächsten Wochen keinen Einfluss auf die Situation zu haben, macht mich fertig.
Ich katastrophiere in die Zukunft, schalte die Vernunft aus und meine Gefühle spielen Rugby mit meiner Seele als Ei.
Ich will so einen Mist nicht.

Scheiße, die meinen inneren Paranoiker weckt.
Welche Absicht liegt dahinter ?
Worauf muss ich mich vorbereiten?

Und nicht nur ich hänge darin, sondern auch meine Frau.
Unser gemeinsames Leben liegt mal wieder in der Willkür anderer Personen.
Und obwohl ich nicht mit Gewissheit sagen kann, ob hinter diesem Anschlag auf mein Vertrauen tatsächlich dunkelste Machenschaften liegen oder nur grenzenlose Dummheit, ist ein Teil in mir zerbrochen.
Vertrauen ist in mir zerbrochen, betreffend bestimmten Personen, meiner Weltsicht und auch meiner eigenen Wahrnehmung der Situation.

Da ich es nie richtig gelernt habe, kann ich mich gegen unangemessene Kritik nicht abgrenzen. Unweigerlich mache ich mir Gedanken, was für Fehler ich gemacht habe.
Dass mir im Versuch, die Situation zu klären, auch noch Uneinsichtigkeit und Schuldhaftes Verhalten vorgeworfen wurde, trägt nicht zur Aufheiterung meiner Stimmung bei.
Ich fühle mich zerdrückt zwischen Vorwürfen und Selbstkritik.

Vor der Tür steht mein Auto, ich könnte einfach losfahren.
Egal wohin, einfach nicht mehr da sein und so.
In meiner Nachttischschublade habe ich ein scharfes Messer, auch ein Weg abzuhauen.
Ich mache es nicht, denn ich habe mal einer bestimmten Person versprochen, beides nicht zu tun.

Ich halte meine Versprechen!

Ich versuche meine Versprechen zu halten!

Zur Zeit zweifele ich, ob dieses Versprechen zum Wohle der entsprechenden Person ist.
Natürlich rede ich über meine Frau.
Manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt gut für sie bin?
Ob es nicht fairer gewesen wäre, auf ihre Mutter zu hören und sie nach ihrem Schlaganfall sterben zu lassen?
Ob sie in einer professionellen Einrichtung, mit einem fähigem Betreuer nicht besser versorgt wäre?
Halt, ob es nicht einfach besser wäre, wenn ich verschwinden würde?

Sie kann mir diese Fragen nicht beantworten und ich traue mich auch nicht, sie zu stellen.
Ich glaube das wäre nicht fair.
Vielleicht fürchte ich auch die Reaktion?
Und meinen eigenes Versagen!

Jahrelang hat meine Frau zu mir gehalten und mir geholfen, mit der Welt klar zukommen und ich verzweifele schon nach 4-5 Jahren.
Ich weiß jetzt sogar tatsächlich nicht mehr, wie lange es her ist. Der Hirnschlag war im November, ziemlich gegen Ende.
Und im Februar war ich dann mit dem Umzug fertig, so dass sie im April, glaub ich, nach Hause kommen konnte.
Aber das Jahr weiß ich nicht mehr, in so etwas bin ich schlecht.

Seit ich in Kempen wohne und hier betreut werde, mache ich kontinuierlich Fortschritte, teilweise aus Zwang heraus, teilweise durch neue Möglichkeiten und Kontakte.
Hin und wieder ist es mir peinlich, dass sich mein Leben so drastisch verbessert, während die Situation meiner Frau stagniert.
Früher hat sie in depressiven Phasen oft behauptet, ich wäre ohne sie besser dran.
Ich traue mich nicht, ihr von meinen Fortschritten zu berichten, aus Angst, es würde ihr beweisen, dass es so wäre.
Mitnichten ist es so, selbst in ihrer Krankheit hat sie mich stärker gemacht, weil sie der Grund war, mich zu verbessern.
Mit ihrem Schlaganfall und seinen Spätfolgen hat sie mir den ultimativen Arschtritt verpasst, um mich aufzuraffen und neue Wege auszuprobieren.
Ich weiß nicht, wie ich ihr dafür danken kann.

Ich weiß auch nicht, wie ich mich verhalten soll.
Zurzeit habe ich Trauer, Wut und Angst in mir. Diese drei Monster toben gerade so schrecklich, dass sich selbst mein narzisstischer Persönlichkeitsanteil versteckt hat.
Jetzt muss ich abwarten, was passiert.
Mein Auto steht immer noch vor der Tür. Ich will weg, auf Urlaub von mir selbst – nein, noch mehr, ich möchte mich von Anteilen von meiner Persönlichkeit scheiden lassen. Ich will die einsame Insel oder die Berghöhle.
Ich möchte, dass die Probleme aufhören und ich mal ein Stück Glück genießen kann.
Ich möchte wieder richtig schlafen.

Langsam komme ich innerlich zur Ruhe.
Es ist wichtig für mich, den Mist aus mir rauszulassen. Obwohl ich ein guter Redner bin, fällt es mir schwer, über Gefühle zu reden.
Ich folge dem Rat, die Gedanken aufzuschreiben um sie loszuwerden. Ich stelle sie in die Öffentlichkeit als meine persönliche Urschrei-Therapie.

Ich werde nicht wegfahren, denn am Montag soll es einen neuen Text geben (ihr wisst, freies Wochenende).
Zeit, mir etwas zu überlegen.
Zeit, zu reflektieren und meine Optionen abzuwägen.
Tief in meinem Inneren bin ich froh, dass mich mehr hier hält, als wegdrängt.
Ich weiß, ich habe Freunde.
Ich habe Aufgaben und ich versage nicht in allen Teilen meines Lebens.
Vielleicht unterdrücke ich meinen inneren Narzissten viel zu stark?
Und nur, weil ich mich selbst nicht lobe, brauche ich die Anerkennung anderer wie ein Junkie – ich sollte das sein lassen.
Vielleicht wäre allen Beteiligten am besten gedient, nur die Selbstzweifel auf große Fahrt zu schicken?
Ein Versuch wäre es Wert.

Der Text war jetzt wirklich etwas konfus und sprang von Gedanken zu Gedanken.
Willkommen in meinem Kopf!
Ich nehme mir heute – und wahrscheinlich in der Zukunft auch noch öfters – raus, dieses Zeug einfach zu veröffentlichen.
Einfach so und für mich.
Wenn ihr den einen oder anderen Gedanken auch kennt, freue ich mich, von euch zu hören. Wenn ihr diese Gedanken nicht kennt, freue ich mich für Euch und bekunde Euch sowohl meinen Neid, als auch den Wunsch, dass sich Dies nicht ändern möge.

Ich wünsche euch allen ein schönes und vor allem sorgenfreies Wochenende,

Euer Mausebär (td)

4 Kommentare

  • Lieber Thorsten,
    so oder so ähnlich geht es vielen Menschen, aber die wenigsten sind in der Lage so offen zu schreiben. (reden) Du weißt doch schon heute, dass es Dir recht bald besser gehen
    wird.
    Liebe Grüße Anne
    Ps. Morgen musst Du auf jeden Fall zu Hause bleiben, weil ein Paket für Dich ankommt.

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  • Wenn du mal für einen Tag oder ein paar Stunden ‚da weg‘ willst, meine Wohnung steht dir immer offen.
    Du hast doch meine Nummer noch?

    Antworten
    • Danke für das Angebot, ich werde es als Option im Kopf behalten. Natürlich habe ich deine Nummer noch, wenn Du sie nicht geändert hast. Ich melde mich mal per WhatsApp.

      Antworten
  • Lieber Thorsten, Du weisst , wenn Du reden möchtest, bist Du jederzeit bei mir herzlich willkommen, manchmal wirkt es Wunder, einfach mal fuer ein paar Stunden andrre Tapeten zu sehen. Fuehl Dich ganz lieb gedrueckt. Inge

    Antworten

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